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19. April 2018: 70 Jahre Israel – Überlebende Heimat. Berichte von Überlebenden

Aufgezeichnet von Lukas Welz, Vorsitzender AMCHA Deutschland e.V.

Als die Fahne auf dem Schiff,
das uns nach Israel bringen sollte,
nach oben gezogen wurde,
die blau-weiße Fahne mit dem Davidstern darauf,
habe ich nur geheult.
Das war ein Moment, wie ihn jeder Mensch braucht.
Das Gefühl der Zugehörigkeit,
Menschen, die zu einem gehören,
ein Land.
Ich stand da unter lauter Unbekannten
und hatte doch das Gefühl,
mit ihnen gemeinsam auf dem Weg
nach Hause zu sein.

Regina Steinitz, die zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Ruth Malin die Shoah im Versteck in ihrer Berliner Heimat überlebte, wanderte im Jahr der Staatsgründung Israels 1948 dorthin aus. 70 Jahre ist dies nun her. Eine Heimat, die überlebte, die ihnen blieb: manchen als jahrtausendealte, religiös überlieferte Erwartung, anderen als politische Vision, aber allen als einzige Hoffnung, in einer Welt, die oft hoffnungslos erschien.

Hoffnungslos, da ohne Familie, die ermordet wurde, ohne Heimat, in der Menschen lebten, die ihnen feindlich gesinnt waren, ohne Kraft, die ihnen genommen wurde. Viele Überlebende der Shoah suchten in Israel einen Neuanfang in jeder Hinsicht. Sie gründeten Familien, erlernten einen Beruf oder studierten.

Israel war damals ein Ideal für uns.
Ich dachte, ich finde eine Familie,
ein Dach über dem Kopf, ein Haus,
eine Mutter, jemanden, der für mich sorgt.
Davon war nichts da.
Jeder war so beschäftigt, die Armut war groß.

So schildert Yehuda Bacon, der aus Mährisch Ostrau stammte und neben Theresienstadt auch Auschwitz-Birkenau überlebte, die Phantasien von der neuen Heimat und der harten Realität. Nicht nur die anfangs schwierige soziale Lage in Israel stellte eine Herausforderung für viele Überlebende dar, wie er weiter berichtet:

Der Holocaust müsste alle stark berühren.
Aber die meisten Menschen vertragen es nicht,
sie sind nicht stark genug.

Viele Israelis konnten die Leidensgeschichten der Überlebenden nicht hören – oder sie wollten vergessen. Es gab ja viele Herausforderungen in der Gegenwart zu bewältigen, einen Staat aufzubauen, das Land zu verteidigen, die soziale Situation zu verbessern. Das führte auch zu einem Mangel an Verständnis für die individuellen Bedürfnisse Überlebender. So gibt der in Posen geborene Zwi Steinitz, der bedeutende Jahre seiner Jugend unter anderem in Auschwitz-Birkenau, Buchenwald und Sachsenhausen verbringen musste, zu bedenken:

Im Kibbuz ist 1946 niemand auf den Gedanken gekommen,
dass Mädchen und Jungen unseres Alters
sechs wichtige Schuljahre verloren hatten
und deshalb eigentlich nicht nur arbeiten sollten,
sondern auch etwas lernen müssten.

Und auch sie wollten ja vergessen, nach vorne blicken. Ruth Malin erinnert sich:

Wir haben alle sehr viel gearbeitet, um zu vergessen.
Wie die meisten Holocaust-Überlebenden hier in Israel.
Mein Mann hat von morgens bis abends gearbeitet, und ich auch.
Das hat uns am Leben gehalten.

So verstummten Überlebende, die sich von der Gesellschaft nicht verstanden und anerkannt fühlten. Unter ihresgleichen aber fanden sie Gemeinschaft. So erinnert sich Pnina Katsir, die in einem rumänischen Lager überlebte:

Die Wohnungen haben alle gleich ausgesehen.
Jeder hatte einen Tisch, ein Bett und eine Vase auf dem Tisch.
Jeder Tisch hatte eine Glasplatte.
Wer noch Bilder hatte, legte sie unter das Glas,
so dass man sie immer sah und nicht vergaß.
In jeder Wohnung war es dasselbe.
Wenn du zu jemandem in die Wohnung gekommen bist,
hast du dich wie zu Hause gefühlt.

Mit dem Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem wurden erstmals in breiter Öffentlichkeit Zeitzeugenberichte gehört. Das Verständnis des individuellen Leids und Schicksals zur Zeit der Verfolgung und nach der Befreiung wurde stärker. Viele der Überlebenden berichten, dass sie erst nach Jahrzehnten des Verdrängens und Vergessenwollens die Vergangenheit die Gegenwart belastet. Regina Steinitz:

Gerade in diesem Moment,
in dem mein Leben sich hätte entfalten können,
bin ich seelisch zusammengebrochen.
Es gab Tage, da hab ich nicht aufgehört zu weinen,
Nächte nicht geschlafen.
Ich litt unter Ängsten, konnte nicht mehr lachen,
nicht mehr essen, musste mich oft übergeben.
Es war alles so wie gestern.
Es ist nicht erklärbar.
Diese Erlebnisse, die man hatte, das ist so stark.

Amcha steht im Hebräischen für „eine, einer von uns“. Seit der Gründung von AMCHA vor 30 Jahren bilden Anerkennung und Gemeinschaft wichtige Grundpfeiler in der Hilfe für Überlebende und ihre Nachkommen in Israel. Auch die israelische Gesellschaft hat gelernt, stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Überlebenden einzugehen und sie zu unterstützen. Und so gehen heute Nachkommen wie Yael, die Enkelin von Pnina Katsir, selbstbewusst mit der Identität ihrer Familie um:

Es ist Teil meiner Geschichte,
und ich glaube, dass es mir Selbstvertrauen gibt,
dass ich das in meinen Genen habe,
dass ich eine Kämpferin sein kann,
eine Überlebende.

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