Dem Hass begegnen

Ein Beitrag von Lukas Welz

Anlässlich des 80. Jahrestages der Novemberpogrome haben wir zusammen mit der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Stellung zu antisemitischen Vorfällen mit Bezug zur Shoah und zu Überlebenden bezogen. Benjamin Steinitz, Leiter von RIAS, berichtet:

„Neben zahlreichen gezielten Sachbeschädigungen an Erinnerungsorten für die Opfer der Shoah trifft Antisemitismus in Form von Schuldabwehr und Schoah-Relativierungen ebenso Jüdinnen und Juden in ihrem alltäglichen Leben.“

Von antisemitischem Hass sind nicht nur Menschen betroffen, die ihn direkt erleiden müssen. Auch Überlebende und ihre Nachkommen, die AMCHA in Israel unterstützt, werden indirekt getroffen: Traumata können durch Relativierungen und Leugnungen reaktiviert, alte Ängste können gegenwärtig werden. Erinnerungen können so dominant werden, dass sie die Überlebenden immer wieder zum mentalen Durchleben der grausamen Erfahrungen aus der Shoah zwingen.

Die Frage, woher der antisemitische Hass kommt, ist sehr vielschichtig. Klar aber ist: damals wie heute wurden Menschen nicht verfolgt, weil sie Juden waren. Sie wurden ausgegrenzt und ermordet, weil die Täterinnen und Täter Antisemiten waren – und weil die Mitläuferinnen und Mitläufer dem antisemitischen Hass nichts entgegensetzten.

Der Kampf gegen Antisemitismus setzt damit eine kritische Selbstreflexion voraus: Inwieweit bin ich selbst mit Vorurteilen belastet? Inwieweit trage ich durch mein Verhalten mit dazu bei, dass ein Klima des Hasses möglich ist?

Erniedrigende und bösartige Äußerungen im politischen Raum, auf der Straße und in den sozialen Medien haben in den letzten Jahren zugenommen oder sind deutlich offener sichtbar geworden. Eine große Herausforderung ist es, dabei selbst dem hasserfüllten Denken zu widerstehen.

Mich berühren Menschen wie Yehuda Bacon darum umso mehr. Er, der die tödlichen Konsequenzen des Hasses in Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Mauthausen überlebt hat, sagt: „Wenn ich jetzt auch hasse, dann hätte Hitler gesiegt, weil er mich dann auch zum Unmenschen gemacht hätte“. Seine eigenen Verstrickungen reflektiert er aber kritisch noch tiefergehend:

„Ich habe verstanden, dass die Gefahr des Bösen in jedem lauert. … Jeder versucht natürlich, seine schöne Seite zu zeigen. Aber man muss um die dunkle Seite wissen […]. Wir müssen im Leben versuchen, die andere Seite wenigstens etwas zu läutern, besser zu machen, jeder auf seine Weise. … auf die eigene Schuld [kann man] mit Umkehr reagieren und dann kann etwas ganz Positives passieren.“

Schon kurz nach der Shoah konnte er die Kraft aufbringen, nach Deutschland zu fahren, als Zeuge in Prozessen gegen NS-Täterinnen und -Täter auszusagen und als Künstler sein Überleben darzustellen, immer verbunden mit der Hoffnung, dass die Welt eine bessere werde. „Niemand wurde besser“, stellte er einmal ernüchtert fest. Die Stärke aber, Menschen erreichen und verändern zu wollen, bringen er und viele weitere Überlebende täglich auf, wenn sie sich als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen jedes Mal aufs Neue der eigenen Geschichte stellen, nicht wissend, wie die Zuhörenden ihr Schicksal anerkennen und würdigen.

AMCHA unterstützt die Überlebenden der Shoah in ihrem Selbstbild. Anerkennung und Gemeinschaft helfen denjenigen, die oft nicht die Kraft haben, dem Hass, dem sie direkt und indirekt ausgesetzt sind, etwas entgegenzusetzen. Wir wollen eine stärkere Gemeinschaft sein, die sich auch zukünftig für eine Gesellschaft einsetzt, die sich der Wirkung von Vergangenheit bewusst ist und für Menschenrechte engagiert.

Im Namen aller Mitarbeitenden in Deutschland und Israel danke ich Ihnen von Herzen, dass Sie durch Ihre Hilfe und Förderung die erfolgreiche Arbeit von AMCHA Jahr für Jahr ermöglichen.