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Zum 9. November

„Ich weiß noch, dass wir sehr früh aufstanden und zu dem großen Bahnhof fuhren.
Ich erinnere mich, wie ich die großen Stufen zum Bahnsteig hinaufkletterte – danach weiß ich von nichts mehr.
Ich kann mich nicht einmal mehr an den letzten Abschied von meiner Mutter oder an unsere letzte Umarmung erinnern.“

Mit diesen Worten erinnert sich George Shefi, geboren am 29. November 1931 in Berlin, an den Tag, an dem er Abschied nehmen musste – von Berlin, seiner Familie, seinem früheren Leben.

George wuchs in einer säkularen, liebevollen Familie auf. Die Pogromnacht vom 9. November 1938 änderte alles. An diesem Tag entschied seine Mutter, tief verängstigt von den Ereignissen des Tages, ihn mit einem Kindertransport nach England zu schicken – in der Hoffnung, ihn so zu retten.

Der Transport verließ Berlin im Juli 1939. Es war das letzte Mal, dass George seine Mutter sah. Zwischen den vielen Kindern, die an den Zugfenstern winkten, konnte sie ihn nicht mehr finden. Nur wenige Wochen später, mit Beginn des Krieges, wäre eine Flucht unmöglich gewesen.

In London wurde George zunächst von Verwandten aufgenommen, später – während der Bombardierungen – aufs Land evakuiert und von einer Pfarrersfamilie beherbergt. Seine Mutter und ihre Schwester mussten Zwangsarbeit leisten und wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Nach dem Krieg gelangte George in die USA, später nach Israel, wo er mit seiner Frau Yael eine Familie gründete. Heute lebt er in Jerusalem, hat drei Kinder und sechs Enkelkinder.

Seit vielen Jahren reist er regelmäßig nach Deutschland, um mit Schüler:innen über seine Geschichte zu sprechen. Er begegne heute Generationen in Deutschland, die sich nicht an dem Verbrechen gegen die Jüdinnen und Juden schuldig gemacht hätten. Sie seien aber verantwortlich für das Aufrechterhalten der Erinnerung, betont er.

Für sein Engagement erhielt er 2024 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Bei AMCHA in Jerusalem findet er bis heute einen Ort der Erinnerung, der Zusammenkunft und der Verbundenheit.

Der 9. November ist für viele mitteleuropäische Jüdinnen und Juden Symbol des Anfangs vom Ende. Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt waren längst Teil ihres Alltags – doch die brennenden Synagogen, Zentren jüdischen Lebens, wurden zum Symbol der totalen Vernichtungsfantasien Deutschlands.

Indem wir George Shefis Geschichte erzählen, erinnern wir an die zerstörten Leben – und daran, dass das Erinnern unsere gemeinsame Verantwortung bleibt.

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