Sirenen und Raketen rütteln emotionale Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden wach

Artikel von Lidar Grave-Lazi in der Jerusalem Post vom 20. Juli 2014

AMCHA baut seine Hilfsangebote während des gegenwärtigen Konflikts aus um Holocaust-Überlebenden bei der Bewältigung von Traumata und Stress zu helfen.

Wenn der Raketenalarm ertönt, sitzt Halina Ashkenazy-Engelhard, eine 90-jährige Holocaust-Überlebende, auf ihrer Couch und blickt aus dem Fenster auf die Bäume, die ihr Zuhause in einem Haus für betreutes Wohnen im Norden von Tel Aviv umgeben. “Ich habe Angst davor, in den Bunker zu gehen. Es erinnert mich an die Zeit in den unterirdischen Bunkern, die ich während des Aufstandes im Warschauer Ghetto verbracht hatte; es erinnert mich an Ersticken und Tod“, sagt sie.

Für Ashkenazy-Engelhard, wie für viele andere Holocaust-Überlebende, wecken die aktuelle Gewalteskalation, die Sirenen und die Raketenangriffe Erinnerungen an die Gräueltaten und die Hilflosigkeit, die sie während des Holocaust erleben mussten. „Es kommt alles zurück, wenn ich den Knall und die Sirenen höre, es erinnert mich an Warschau und Berlin und die Bombardierungen, die wir ertragen mussten“, berichtet sie. Vor zwei Tagen, eine Woche nachdem die israelische Militäroperation Protective Edge startete, begann sie schreckliche Albträume zu bekommen – über was genau, will oder kann sie nicht sagen. Die Bilder von israelischen Kindern, die in Bunker kauern mussten, und von palästinensischen Kindern, die starben, konnte sie nicht verarbeiten. „Ich bin einfach zusammengebrochen, ich war immer stark, aber wegen irgendeines Grundes hatte ich einen emotionalen Zusammenbruch“, erzählt sie.

Ashkenazy-Engelhard wusste, wo sie Hilfe finden würde: bei AMCHA, dem nationalen israelischen Zentrum zur psychosozialen Hilfe für Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen. „Ich ging zu AMCHA und brach einfach weinend zusammen,“ sagt sie. „Alles, was ich [während des Holocaust] erlebt hatte, ist stets lebendig in meiner Seele und deshalb reagiere ich auf menschliches Leid sehr mitfühlend.“

Seit der Gründung im Jahr 1987 hat die zunächst in Jerusalem ansässige Organisation mittlerweile 14 Zentren im gesamten Land aufgebaut, die Psychotherapien und soziale Hilfe für Holocaust-Überlebende anbieten und Begegnungen mit Jugendlichen organisieren. Die Organisation berichtet, dass während des gegenwärtigen Konflikts vermehrt Angst- und erhöhte Stresszustände unter Holocaust-Überlebenden im Süden Israels und im gesamten Land festgestellt werden können und hat ihre Hilfsangebote entsprechend verstärkt. “Viele der Holocaust-Überlebenden erleben eine sogenannte Re-Traumatisierung“, erklärt Dr. Martin Auerbach, nationaler klinischer Direktor von AMCHA, gegenüber der Jerusalem Post. „Wenn jemand durch eine neue gegenwärtige traumatische Erfahrung geht, kann dies traumatische Erinnerungen verstärken, vor allem, wenn sie aus der Kindheit stammen. Diese gegenwärtigen Erfahrungen sind dann Auslöser für die Erinnerung an vergangene traumatische Situationen und können für die Menschen sehr beängstigend sein,“ sagt er.

Für Auerbach ist es aufgrund der derzeitigen Situation nicht überraschend, dass Holocaust-Überlebende verstärkt Ängste, Schlafprobleme, Albträume und Erinnerungen an vergangene Traumata erfahren. “Dies bedeutet nicht, dass sie damit nicht umgehen können, interessanterweise funktionieren sie unter der angespannten Situation wie viele andere auch”, sagt er. Er erklärt, dass Holocaust-Überlebende wüssten, was es bedeute zu leiden, sie seien besonders sensibel gegenüber dem Leiden der Opfer auf beiden Seiten.

“In Israel sind die Kinder verängstigt, die Menschen auf der anderen Seite werden bombardiert und die Holocaust-Überlebenden haben Empathie für beide Seiten,” sagt er. Je länger diese Kriege sich wiederholen, desto mehr fragten sich die Überlebenden, was ihre Generation den nachfolgenden Generationen hinterlasse, so Auerbach. “Für viele von ihnen bedeutete die Einwanderung nach Israel eine Verbesserung der Welt, in vielerlei Hinsicht gab es eine große Hoffnung, dass aus der extremen Tragödie etwas Positives erwachsen könne.“

Viele der Überlebenden, sagt Auerbach, hätten keine existenziellen Ängste, aber machten sich Sorgen um die Existenz des jüdischen Staates und der israelischen Gesellschaft sowie um ihre Kinder und Enkelkinder. Zum Beispiel gingen viele der Überlebenden, die er in Sderot trifft, nicht in die Bunker, wenn die Sirenen heulen, da sie sich ungeachtet ihres eigenen Überlebens mehr Sorgen um die nächsten Generationen machten. „Meine Enkelkinder leben im Süden und ich kann nicht schlafen, da ich an sie und die Soldaten denken muss. Warum muss sich das, was ich im Holocaust erlebte, nun für die vierte und fünfte Generation wiederholen?“, fragt Zipora Peler, eine 85-jährige Holocaust-Überlebende aus Tel Aviv.

Seit Ausbruch des Konflikts hat AMCHA seine Hilfsangebote für die etwa 16.000 Holocaust-Überlebenden, denen regelmäßig geholfen wird, weiter ausgebaut, sagt Auerbach. Über 900 Freiwillige und Therapeuten arbeiten in den Sozialclubs an speziellen Stressverringerungs- und Erholungsprogrammen, bieten zusätzliche Therapiestunden in den AMCHA-Zentren und bei den Klienten zu Hause an oder führen Telefonate mit Klienten, die nicht bereit oder in der Lage sind, ihr Zuhause zu verlassen. „Für jeden ist es schwer, allein zu sein, nicht nur für Holocaust-Überlebende. Wenn Sie helfen wollen, denken Sie an jemanden, der alleine ist, und bieten Sie Nähe und Empathie an“, sagt Auerbach.

Für die Holocaust-Überlebende Ashkenazy-Engelhard hat das Wort amcha („Dein Volk“) eine tiefere Bedeutung. “Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich das Wort amcha hörte. Es war Anfang Mai 1945 und ich kam gerade erst aus einem der Arbeitslager nach Warschau zurück, als ich zwei Männer Jiddisch sprechen hörte, Ich war so erstaunt, dass ich nicht aufhören konnte, sie anzustarren. Einer von ihnen drehte sich schließlich zu mir um und fragte Amcha?“ Sie erzählt, dass sie keine Ahnung hatte, was das Wort bedeutete, bis ihr Reisebegleiter ihr erklärte, das sei ein Codewort unter Juden, um einander zu erkennen.

“Jahre später erst bin ich auf AMCHA in Israel gestoßen“, sagt sie. „Diese Organisation bedeutet so viel mehr, sie rettet Leben. Viele von uns haben keinen anderen Ort, an den sie gehen könnten. Unsere Kinder sind groß geworden und unsere Enkelkinder kümmern sich nicht länger um uns. AMCHA ist wie ein zweites Zuhause, mit Brüdern und Schwestern, die eine Vergangenheit teilen, die auch meine ist und mit denen ich sprechen kann.“