Vortrag von Prof. Jürgen Straub „Zeitgenössische und retrospektive Zeugenschaft“ an der IPU Berlin
Am 28. April 2026 eröffnete Prof. Dr. Jürgen Straub (Ruhr-Universität Bochum) die gemeinsame Vortragsreihe 2026 von IPU Berlin und AMCHA Deutschland e. V. Mit seinem Vortrag „Zeitgenössische und retrospektive Zeugenschaft“ setzte er den Auftakt der Reihe „Die Wucht der Erinnerung: Zwischen Zeugnis und Zumutung“, die sich den psychosozialen Dimensionen von Zeug:innenschaft nach der Shoah widmet.
Ausgehend von theoretischen Überlegungen zu zeitgenössischer und retrospektiver Zeugenschaft sowie zum hermeneutischen und konstruktiven Charakter sprachlicher Darstellung stellte Prof. Dr. Straub ausgewählte Ergebnisse der jüngst abgeschlossenen Forschungsarbeiten von Maria Jäger und Hannah Wunderlich vor.
Im Mittelpunkt standen zum einen Tagebücher aus den 1930er Jahren, die die schrittweise Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung jüdischer und von den Nationalsozialisten als jüdisch kategorisierter Menschen dokumentieren. Zum anderen wurden Erzählungen von Überlebenden der Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien betrachtet. Anhand dieser unterschiedlichen Quellen arbeitete Prof. Dr. Straub die Besonderheiten zeitgenössischer und retrospektiver Zeugnisse heraus und zeigte, wie sie historische Erfahrungen auf unterschiedliche Weise zugänglich machen. Zugleich verdeutlichte er, dass diese Zeugnisse nicht nur Aufmerksamkeit und sorgfältige Auslegung erfordern, sondern auch eine bleibende Aufgabe der Erinnerung und Auseinandersetzung darstellen.
Im anschließenden Gespräch mit Dr. Juliette Brungs (AMCHA Deutschland e. V.) wurden die Inhalte des Vortrags gemeinsam mit den Teilnehmenden vertieft und weiterführende Fragen zur Bedeutung von Zeugenschaft und Erinnerungskultur diskutiert.
Prof. Dr. phil. Jürgen Straub ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozialtheorie und Sozialpsychologie an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Zudem leitet er gemeinsam mit Dr. Pradeep Chakkarath und Aladin El-Mafaalani das Hans Kilian und Lotte Köhler-Centrum für sozial- und kulturwissenschaftliche Psychologie und historische Anthropologie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Erinnerung, Identität, Narration und historisches Bewusstsein.