Wer erzählt die Geschichte weiter? AMCHA zum Austausch in München

| Wie verändert sich die Erinnerung an die Shoah, wenn immer weniger Überlebende selbst von ihren Erfahrungen berichten können? Welche Bedeutung haben ihre Geschichten für die nachfolgenden Generationen? Und was heißt es überhaupt, Nachkomme zu sein? Diese Fragen lassen sich nicht allein mit dem Verweis auf eine Verantwortung zur Erinnerung beantworten. Denn die Erfahrungen der Shoah wirken in Familien auf sehr unterschiedliche Weise nach. Sie können Identität und Selbstverständnis prägen, Beziehungen beeinflussen und Fragen aufwerfen, die weit über die unmittelbare Geschichte der Verfolgung hinausreichen. Zugleich entwickeln Kinder und Enkel der Überlebenden eigene Perspektiven auf ihre Familiengeschichte, auf jüdisches Leben und auf die Gegenwart. Wie sich dieser Vielfalt in der Erinnerungsarbeit Raum geben lässt, beschäftigt uns bei AMCHA seit vielen Jahren. Es war auch eine zentrale Frage unseres Gesprächsabends im Centrum Judaicum – und ein Ausgangspunkt unserer Reise nach München Anfang Oktober. Dort hatten wir die Gelegenheit, mit Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und selbst Überlebende der Shoah, über die Arbeit von AMCHA und die Zukunft unserer Ausstellung zu sprechen. Wir möchten diese Ausstellung inhaltlich weiterentwickeln und künftig auch außerhalb Berlins zeigen. Dabei geht es uns nicht allein darum, die Erfahrungen der Überlebenden zu bewahren, sondern auch darum, die unterschiedlichen Perspektiven ihrer Nachkommen sichtbar zu machen und neue Gespräche zwischen den Generationen anzustoßen. |
| Besonders eindrücklich war auch der Besuch der Sozialabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde und des Café Zelig, eines Begegnungsortes für Shoah-Überlebende. Hier wurde deutlich, welche Bedeutung geschützte Räume, soziale Beziehungen und kontinuierliche psychosoziale Begleitung gerade im hohen Alter haben. Zugleich stellt sich auch hier die Frage, wie sich solche Angebote mit dem demografischen Wandel weiterentwickeln. Weitere Begegnungen führten uns zum NS-Dokumentationszentrum München, wo wir nach einer Veranstaltung mit den Historikern Moshe Zimmermann und Norbert Frei ins Gespräch kamen, sowie zur Stiftung Bayerische Gedenkstätten. In den Münchner Kammerspielen beschäftigten wir uns mit Antisemitismus in den Künsten, bevor wir zum Abschluss die KZ-Gedenkstätte Dachau besuchten. Die unterschiedlichen Gespräche und Orte haben einmal mehr gezeigt, wie eng psychosoziale Arbeit, historische Forschung und gesellschaftliche Erinnerung miteinander verbunden sind – und wie wichtig es ist, sie zugleich in ihrer jeweiligen Eigenständigkeit ernst zu nehmen. Mit unserer Reise wollten wir deshalb auch neue Verbindungen knüpfen. Wir möchten die Arbeit von AMCHA künftig stärker über Berlin hinaus sichtbar machen und gemeinsam mit anderen Einrichtungen Ausstellungen, Veranstaltungen und Gesprächsformate entwickeln, die Raum für unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven eröffnen. Denn die Frage, wie wir künftig an die Shoah erinnern, ist nicht nur eine Frage danach, was wir bewahren. Sie ist auch eine Frage danach, wem wir zuhören, welche Geschichten bislang wenig Gehör finden und wie wir heute miteinander ins Gespräch kommen. |