Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bundesminister des Auswärtigen, zur Ausstellung „Leben nach dem Überleben“ von AMCHA Deutschland e.V.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Wie sehr die seelischen Wunden auch 70 Jahre nach Kriegsende nachwirken auf das heutige Leben Holocaust-Überlebender, ihrer Kinder und Enkel, zeigt eindrucksvoll die Ausstellung „Leben nach dem Überleben“, zusammengestellt von AMCHA. Der von Holocaust-Überlebenden gegründete Verein leistet seit 1987 mit psychotherapeutischen Gesprächen, Hausbesuchen und Sozialclubs wertvolle Arbeit und unterstützt Überlebende und ihre Nachkommen auf vielfältige Weise.

Neben vielen anderen hat mich das Schicksal von Zwi Steinitz sehr bewegt. 1927 in Posen geboren, überlebte er das Ghetto Krakau, die Konzentrationslager Plaszow, Auschwitz, Buchenwald, Haselhorst und Sachsenhausen sowie zwei Todesmärsche. Das Erlebte ist unvorstellbar. Er ist seit 1990 bei AMCHA in Tel Aviv und – wie er es formuliert – „dankbar für das außergewöhnliche Feingefühl und Verständnis der Menschen bei AMCHA, die mich seit Jahren schon unterstützen. Zum ersten Mal befreite ich mich von der verborgenen Last, die an meiner Seele nagte. Sie öffneten nicht nur mein Herz, sie erwarben mein volles Vertrauen.“

Zwi Steinitz ist einer von vielen. Heute leben noch etwa 193.000 Überlebende allein in Israel. Betreut hat AMCHA im vergangenen Jahr 17.812 Menschen. Nicht selten leiden sie, wie Zwi Steinitz, an schweren Depressionen, Angstzuständen und Verzweiflung, die oft erst im Alter auftreten. Denn der Wechsel vom Berufsleben in den Ruhestand, der Verlust von Ehepartnern und engen Freunden, der Wegzug der Kinder und zunehmendes Alter führen vielfach erst zur Beschäftigung mit sich selbst und mit der eigenen Vergangenheit. Lange verdrängte traumatische Erfahrungen kehren dadurch ins Bewusstsein zurück.
Die Ausstellung zeigt, wie aktuell das Thema auch heute noch ist und wie der Holocaust in den Alltag vieler Überlebender und ihrer Kinder und Enkel hinein- und nachwirkt. Die Aufarbeitung der Traumata ist eine Gegenwartsfrage und wird es bleiben.
Die Bilder und Texte der Ausstellung zeigen eindrücklich, dass sich die Betroffenen ihren traumatischen Erlebnissen auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende neu stellen wollen und müssen. Dieser ganz persönliche Blick zurück auf die Vergangenheit von Holocaust-Überlebenden erinnert uns in Deutschland daran, dass das düsterste Kapitel unserer Geschichte und die nationalsozialistischen Verbrechen immer noch präsent sind. Die Arbeit von AMCHA mahnt uns, das Bekenntnis zu unserer historischen Verantwortung wach zu halten und uns der Vergangenheit zu stellen, auch wenn es schmerzt.
Zehntausenden Überlebenden hat AMCHA geholfen, ins soziale Leben zurückzukehren, viele von ihnen sprechen von AMCHA als ihrem „zweiten Zuhause“. Das ist ein großartiger Erfolg. Besonders freut mich, dass die Ausstellung nach weiteren Stationen in Deutschland auch in Israel gezeigt werden wird.

70 Jahre nach Kriegsende sind immer weniger Holocaust-Überlebende unter uns, insbesondere in Deutschland. Umso mehr freue ich mich, dass trotz des unfassbaren leids, das ihnen angetan wurde, jüdisches Leben in Deutschland wieder aufblüht. Kinder, Enkel und Urenkel nicht nur von Holocaust-Überlebenden, sondern Juden aus aller Welt fassen wieder Vertrauen in unser Land und leben gerne hier. Diese Entwicklung kann man nur als Wunder bezeichnen, über die wir uns freuen und an dem die Arbeit von AMCHA ihren Anteil hat.