Zum Yom HaShoah: Raum für Trauer schaffen

Ein Beitrag von Lukas Welz

Für zwei Minuten steht das Land still. Die Sirenen heulen. Busse, Straßenbahnen, ebenso alle übrigen Fahrzeuge unterbrechen ihre Fahrt. Die Menschen bleiben auf den Straßen stehen und halten für zwei Minuten inne zum stillen Gedenken.

Der Yom HaShoah – der offizielle Tag des Gedenkens an die Shoah in Israel – ist ein ernster Gedenktag, ganz anders als die vielen fröhlichen Festtage im jüdischen Jahr. Sofern er sich nicht mit dem Shabbat überschneidet, wird er am 27. Nisan des jüdischen Kalenders begangen, in diesem Jahr am 2. Mai.

In Yad Vashem werden dann in Gedenken an die sechs Millionen Ermordeten sechs Fackeln entzündet. Das Gedenken an die Shoah ist in Israel heute von zentraler, identitätsstiftender Bedeutung.

Das war nicht immer selbstverständlich. In ihrer kollektiven Erinnerung bezog sich die israelische Gesellschaft lange fast ausschließlich auf den bewaffneten jüdischen Widerstand, insbesondere auf die als Helden verehrten Aufständischen des Warschauer Ghettos. Vielen Überlebenden schlug aber der Vorwurf entgegen, sich „wie Lämmer auf die Schlachtbank“ haben führen zu lassen und sich widerstandslos ihrem Schicksal ergeben zu haben.

Für die Überlebenden bedeutete das, in der israelischen Öffentlichkeit keinen Raum zu finden, die erlittenen Verluste zu betrauern. Erinnerung und Gedenken blieben im Privaten oder wurden verdrängt. Überlebende sprachen untereinander über das Erlittene, nach außen aber schwiegen sie.

Erst mit dem Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 begann sich das gesellschaftliche Bewusstsein zu wandeln. Der medialen Berichterstattung über den Prozessverlauf und den live im Radio übertragenen Zeugenaussagen der Überlebenden konnte sich niemand entziehen.

Auch die Gründung von AMCHA 1987 erwuchs unter anderem aus dem Wunsch, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem die Überlebenden die erlittenen Verluste betrauern können.

So ist der Yom HaShoah in den AMCHA-Zentren ein Tag des gemeinsamen Gedenkens und Erinnerns. Menschen aller Generationen sind dabei eingeladen zusammenzukommen, sich auszutauschen und einander zuzuhören. Viele Schüler*innen und Studierende werden darunter sein – für diejenigen, die die Shoah überlebten, ein bedeutsames Zeichen, dass sie nicht vergessen und ein wichtiger Teil der israelischen Gesellschaft sind.