Zahl hilfesuchender Überlebender des Holocaust auf dem Höchststand

Pressemitteilung zum 27. Januar 2017

72 Jahre sind seit der Befreiung der Überlebenden des Holocaust vergangen. 1987 wurde in Jerusalem AMCHA, das nationale israelische Zentrum für die psychosoziale Hilfe von Überlebenden des Holocaust und ihren Familien, als Selbsthilfeorganisation gegründet.

30 Jahre später ist die Zahl hilfesuchender Überlebender des Holocaust bei AMCHA auf einem neuen Höchststand. 19.946 Menschen konnte AMCHA 2016 in Psychotherapien, sozialen Aktivitäten und durch Hausbesuche dabei unterstützen, mit den Folgen der Verfolgung und teils schweren Traumatisierungen ein würdevolles Leben nach dem Überleben zu gestalten. Damit hat sich die Zahl der Hilfesuchenden seit 2006 mehr als verdoppelt (2006: 9.692).
 
 „Gerade im Alter werden die traumatisierenden Erinnerungen zur Belastung, wenn das soziale Netz schwächer wird, die Einsamkeit zunimmt, Partner und Freunde sterben. Die Folgen können schwere Depressionen, soziale Isolation und Angstzustände sein,“ erklärt Lukas Welz, Vorsitzender von AMCHA Deutschland e.V.
 
Das hohe Durchschnittsalter führt dazu, dass die psychologische und soziale Hilfe verstärkt zu Hause, in Altersheimen und Hospizen organisiert werden muss. Waren es 2006 noch zirka 8.100 Therapiestunden in häuslicher Betreuung (10,83 Prozent der Therapiestunden insgesamt), so stieg die Zahl 2016 auf etwa 195.000 Therapiestunden zu Hause (31,28 Prozent Anteil an den Gesamttherapiestunden).
 
2016 hat die Bundesregierung ihre Hilfe für Überlebende des Holocaust aufgestockt, um damit insbesondere die häuslichen Pflegestunden deutlich zu erhöhen und dem Mehraufwand für Sozialarbeiter und Psychotherapeuten nachzukommen.
 
„Die Aufstockung der finanziellen Unterstützung ist ein wichtiges erstes Signal und Zeichen der Anerkennung. Angesichts des weiter zunehmenden Bedarfs an Unterstützung, gerade im Bereich der Traumatherapie und sozialen Arbeit, sowie rückgängiger Spenden für Organisationen wie AMCHA ist die finanzielle Hilfe auch 72 Jahre nach der Befreiung weiterhin wichtig, um den Überlebenden einen würdevollen Lebensabend zu ermöglichen“, so Welz weiter.
 
Dr. h.c. Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D., Mitglied im Ehrenrat von AMCHA Deutschland e.V.:
„Auch 30 Jahre nach der Gründung steht AMCHA vor großen Herausforderungen. Wir erwarten auch in den nächsten Jahren einen Anstieg des Bedarfs an Haustherapien und Hausbesuchen. Auch ist die Weitergabe von Traumata heute wissenschaftlich unbestritten und die Zahl der Kinder und Enkelkinder von Überlebenden der Shoa, die Hilfe bei AMCHA suchen, wächst jährlich an. Die Bundesrepublik Deutschland sollte sich dieser Verantwortung nicht verschließen. Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sie ist Teil unserer Gegenwart und Zukunft.“


Zahlen und Fakten:
·       75 Prozent der Klienten von AMCHA sind Überlebende des Holocaust. Ein Drittel von ihnen sind  D Kinderüberlebenden, die zum Zeitpunkt ihrer Befreiung nicht älter als 14 Jahre alt waren.
·       10 Prozent der Hilfesuchenden sind Kinder von Überlebenden, die durch die Weitergabe von Traumata ebenfalls psychosoziale Hilfe suchen.
·       15 Prozent sind andere Bevölkerungsgruppen, darunter auch Menschen in Krisensituationen außerhalb Israels, denen AMCHA im Rahmen internationaler Zusammenarbeit hilft.