Der Ermordeten gedenken, aber die Überlebenden nicht vergessen

Neuer Höchststand bei der Zahl traumatisierter Überlebender des Holocaust in Israel, die auf psychosoziale Hilfe angewiesen sind

Die Zahl hilfesuchender Überlebender in Israel, die die Angebote von AMCHA in Anspruch nehmen, hat 2017 einen neuen Höchststand erreicht: 20.657 Menschen konnte AMCHA mit Hilfe von Psychotherapien, sozialen Aktivitäten und Hausbesuchen dabei unterstützen, trotz zum Teil schwerer Traumatisierungen ein würdevolles Leben zu führen. Damit hat sich die Zahl der Hilfesuchenden seit 2007 fast verdoppelt (2007: 10.609).

„Im Alter werden die traumatisierenden Erinnerungen zur Belastung, wenn das soziale Netz schwächer wird, die Einsamkeit zunimmt, Partner und Freunde sterben. Die Folgen können schwere Depressionen, soziale Isolation und Angstzustände sein,“ erklärt Lukas Welz, Vorsitzender von AMCHA Deutschland e.V. „Die Hälfte der Menschen, die Hilfe bei AMCHA erhalten, sind heute Kinderüberlebende, Menschen also, die nicht älter als 16 Jahre alt waren zum Zeitpunkt ihrer Befreiung. Dank der gestiegenen Lebenserwartung sind viele von ihnen zwischen 73 und 89 Jahre alt. Ihr Leben ist geprägt von den traumatischen Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend.“ Das hohe Durchschnittsalter der von AMCHA Betreuten führt dazu, dass die psychologische und soziale Hilfe verstärkt zu Hause, in Altersheimen oder Hospizen organisiert werden muss. Eine Herausforderung, die geleistet werden kann, aber hohe Kosten verursacht. Waren es 2007 noch etwa 15 Prozent, sprich 12.629 Therapiestunden, die im häuslichen Umfeld stattfanden, so steigerte sich die Zahl im Jahr 2017 auf 62.952 Therapiestunden, also um fast das Fünffache.

Zu den Hilfesuchenden zählen Menschen wie die 1930 in Rumänien geborene Pnina Katsir, die fürchtete, an ihren Erinnerungen zu zerbrechen: „Ich habe nicht gesprochen. Alles war hier drin gefangen wie ein Stein. Ich wusste gar nicht, was ich mir selber antat“, erinnert sich die Überlebende verschiedener Ghettos. „Und bei AMCHA haben sie mir geholfen. Es war mir schwer am Anfang. Und meine Stimme hat gezittert, wenn ich gesprochen habe,“ berichtet sie. 1946 versuchte Pnina Katsir auf einem Fischerboot das britische Mandatsgebiet Palästina zu erreichen, wurde jedoch vom britischen Militär aufgegriffen und auf Zypern interniert. Erst nach der Staatsgründung konnte sie nach Israel einwandern.

Lukas Welz betont, dass die psychosoziale Hilfe durch AMCHA eine Gegenwartsfrage ist: „Das Gedenken an das Leid der ermordeten Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist mehr denn je unverzichtbar. Aber auch das schwere Schicksal der Menschen, die die Jahre der Verfolgung überlebt haben, darf nicht in Vergessenheit geraten.“

 

Charlotte Knobloch, frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, engagiert sich seit vielen Jahren im Ehrenrat von AMCHA Deutschland. Die Unterstützung von AMCHA ist ihr seit jeher ein Herzensanliegen:

„Auch 70 Jahre nach der Gründung des Staates Israel, der vielen Überlebenden eine sichere Heimat nach ihrer Befreiung bietet, leiden viele von ihnen unter den traumatisierenden Erfahrungen der Vergangenheit, aber auch an Erlebnissen in der Gegenwart. Sie nehmen sehr genau wahr, was in Europa und weltweit geschieht. Antisemitismus, Debatten um eine erinnerungskulturelle Wende, aber auch die Bedrohung durch Krieg und Gewalt in Israels Nachbarschaft wecken Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung und erschweren die Bearbeitung der Traumata. Dafür steht beispielhaft die Situation in Sderot: 220 Überlebenden des Holocaust hilft AMCHA in dieser kleinen Grenzstadt zum Gazastreifen, die immer wieder Ziel von Raketenangriffen ist. Das hohe Alter vieler von AMCHA betreuter Menschen erfordert zudem zunehmend häusliche Hilfe. Eine Herausforderung, die nur mit finanzieller Unterstützung bewältigt werden kann. Hilfe für die überlebenden Opfer des Holocaust und deren Nachkommen ist dringend geboten, denn die Vergangenheit ist nicht vergangen, sie ist Teil unserer Gegenwart und Zukunft.“

Ruediger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference in Deutschland: „Es hat Jahrzehnte gedauert, bevor die psychischen Folge- und Langzeitschäden der Schoah auch in den Entschädigungsverfahren anerkannt wurden. AMCHA hat sich bei der Erforschung und Therapie von posttraumatischen Stresssyndromen durch die Schoah große Verdienste erworben. Zu nennen ist hierbei vor allem Prof. Nathan Durst, der ein hoch anerkannter Wegbereiter dieses Forschungszweiges war. Die Claims Conference hat die Erfolge von AMCHA immer anerkannt und den Weg von AMCHA in vergangenen Jahrzehnten mit Zuwendungen begleitet.“

 

AMCHA – Zahlen und Fakten:

  • 20.657 Menschen wurden durch AMCHA in Psychotherapien und sozialen Aktivitäten in Israel unterstützt mit ihren teils schweren Traumatisierungen ein würdevolles Leben zu führen. Das sind fast doppelt so viele, wie vor zehn Jahren.
  • Die Zahl der Therapien, die bei den Klienten stattfinden musste (zu Hause, in Krankenhäusern, Altenheimen, Hospizen) stieg im Zehnjahresvergleich um fast das Fünffache.
  • 70 Prozent der Klienten von AMCHA sind Überlebende des Holocaust. Etwa die Hälfte von ihnen sind Kinderüberlebende, die zum Zeitpunkt ihrer Befreiung nicht älter als 16 Jahre alt waren.
  • 7 Prozent der Hilfesuchenden sind Kinder von Überlebenden, die durch die Weitergabe von Traumata ebenfalls psychosoziale Hilfe suchen.
  • 23 Prozent der Betreuten gehören anderen Bevölkerungsgruppen an, darunter auch Menschen in Krisensituationen außerhalb Israels, denen AMCHA im Rahmen internationaler Zusammenarbeit hilft.