Weiterhin großer Unterstützungsbedarf für Überlebende der Shoah und ihre Nachkommen

Pressemitteilung zum 27. Januar 2021

Unterstützungsleistungen für Überlebende des Holocaust bleiben auch 76 Jahre nach der Befreiung eine fundamentale Notwendigkeit

Mit Hilfe von Psychotherapien, sozialen Aktivitäten und Hausbesuchen durch die Selbsthilfeorganisation AMCHA wird den oft schwer traumatisierten Menschen auch in Zeiten der COVID-19-Pandemie ermöglicht, im Alter ein würdevolles Leben zu führen. Nun rücken auch ihre Kinder stärker in den Blick.

„Gerade im Alter werden die traumatisierenden Erinnerungen zur Belastung, wenn das soziale Netz schwächer wird, die Einsamkeit zunimmt, Partner und Freunde sterben. Die Folgen können schwere Depressionen, soziale Isolation und Angstzustände sein,“ erklärt Lukas Welz, Vorsitzender von AMCHA Deutschland e.V., einer Organisation, die die Hilfe von AMCHA in Israel seit 34 Jahren unterstützt.

Angesichts der Beschränkungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie verstärkt sich das Grundgefühl des Verlassenseins, Erinnerungen an traumatisierende Erfahrungen während der Shoah werden bei vielen Überlebenden noch präsenter. „Die Befreiung war für die Überlebenden eine Rettung vor dem Tod. Die langfristigen Folgen der Verfolgung aber bleiben ein Leben lang.“

So erklärt sich auch die auffallende Zunahme an Unterstützungsbedarf: Die Zahl von 127.972 Therapiestunden im Jahr 2010, ist innerhalb von zehn Jahren auf 242.489 Stunden angestiegen, hat sich trotz der Pandemiebeschränkungen also mehr als verdoppelt. Dank Therapie auf Distanz und dem Ausbau des Online-Angebots therapeutischer Aktivitäten, auch mit Unterstützung aus Deutschland, konnte ein großer Teil der Überlebenden weiterhin erreicht und betreut werden.

Im letzten Jahr konnte AMCHA 8.623 Überlebende des Holocaust mit Therapien und sozialen Aktivitäten unterstützen. Zunehmend rücken auch Kinder von Überlebenden in den Blick. „Manche von ihnen sind selbst bereits 75 Jahre alt. Das Ausscheiden aus dem Berufsleben oder der Tod der Eltern sind Faktoren, die psychosoziale Herausforderungen wachsen lassen,“ berichtet Lukas Welz. Hinzu kämen Gewalt- und Kriegserfahrungen, die zusätzlich belastend auf die transgenerationalen Traumata einwirkten.

Bundesregierung unterstützt erstmals Nachkommen von Überlebenden

Die Bundesregierung wird 2021 die psychosoziale Hilfe für besonders betroffene Angehörige der Nachkommen von Überlebenden des Holocaust unterstützen. „Damit wird ein lang ersehntes Zeichen der Anerkennung ihrer historischen Verantwortung, die über Generationen hinweg reicht, gesendet. Die Bearbeitung oft schwerster Traumata des Holocaust ist eine Gegenwartsfrage und wird es bleiben, zumal diese innerhalb ihrer Familien oft über Generationen hinweg spürbar bleiben. Der Holocaust wirkt bis heute auf den Alltag vieler Überlebender und ihrer Familien nach. Ihr Schicksal sollten wir bei allem Gedenken an die Vergangenheit nicht vergessen,“ betont Lukas Welz.

So berichtete ein Mitglied des AMCHA-Sozialclubs für die zweite Generation in Tel Aviv: „Der Name meiner Schwester, die ich nie hatte, ist Shoah. Sie war für meine Eltern immer die interessantere, klügere, attraktivere von uns Geschwistern.“

Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Überlebende

Die seit vielen Jahrzehnten mit großem Engagement geleistete psychosoziale Hilfe ist angesichts der COVID-19-Krise erstmals weitgehend zum Stillstand gekommen. Die 15 Sozialklubs durften im vergangenen Jahr zeitweise von den Überlebenden nicht mehr aufgesucht werden.

Gerade die so wichtige Gemeinschaft in den AMCHA-Zentren, die für viele Überlebende ein zweites Zuhause der Fürsorge wurden und sie aus der Isolation holten, waren nicht mehr uneingeschränkt erreichbar. Und auch die Besuche der Therapeuten und Sozialarbeiter bei den Klienten zu Hause, in den Seniorenheimen oder Hospizen sind nur sehr eingeschränkt möglich.

„Seit den ersten Ausgangsbeschränkungen haben wir mit Hochdruck daran gearbeitet, neue Wege der telefonischen und online-basierten Seelsorge, Therapie und Unterstützung auf Distanz zu unterstützen und damit die Kommunikationswege zu Überlebenden aufrechtzuhalten. Denn die Therapeuten sind oft die einzigen Bezugspersonen vieler schwer traumatisierter Überlebender,“ berichtet Lukas Welz weiter.

Pnina Katsir überlebte den Holocaust und wird von AMCHA in Jerusalem betreut. „Schlechte Erinnerungen kommen in diesen Zeiten der Pandemie zurück. Ein Albtraum meiner Kindheit zur Zeit der Verfolgung hat mich erst jetzt wieder eingeholt.“