Traumata begegnen, Räume schaffen

Rede von Anne-Christine Mertens (AMCHA Deutschland) zur Eröffnung der Ausstellung in Eschweiler

„Ich bin sehr beschäftigt, und ich muss sehr beschäftigt sein. Damit ich nicht übermannt werde, du weißt, diese Vergangenheit. Ich will nicht. Ich will das Leben genießen. Ich will jeden Moment genießen. Und deswegen wollte ich nicht sprechen. Aber ich ging zu Amcha. Ich sagte – gut, ich werde sehen, was das ist. Mich interessiert alles. Und es hat mir gefallen. – Das hat mir so geholfen.“

Dieses Zitat kommt von Pnina Katsir, eine Kinder-Überlebende des Holocausts. Mit ihr überlebte ihre neunköpfige Familie mütterlicherseits, väterlicherseits hingegen wurden, bis auf eine Tante, alle ermordet.

Nach der Befreiung durch die Rote Armee, versuchte sie bereits vor der Staatsgründung Israels nach Palästina einzureisen. Vergeblich. Erst 1948 konnte sie legal einwandern, ebenso ihre Familie.
Heute lebt die 89 Jährige mit ihren zwei Kindern und drei Enkelkindern in Israel und nimmt seit 10 Jahren die Hilfe von Amcha in Anspruch. Amcha wurde ihr zweites zu Hause.

Doch viele Jahrzehnte gab es für Holocaust-Überlebende in Israel keine psychotherapeutische Hilfe, kein zweites zu Hause. Um dem entgegen zu wirken wurde 1987 Amcha als einzigartige Organisation von Holocaust-Überlebenden für Holocaust-Überlebende gegründet. Seither wird den ihnen, aber auch ihren nachfolgenden Generationen Unterstützung und Hilfe angeboten.

AMCHA schloss hier eine Lücke, die viele Überlebende erfuhren: Aus Angst vor Ausgrenzung und aufgrund des langen öffentlichen Schweigens über die psychischen Folgen des Holocausts, mieden es die meisten, sich Hilfe in öffentlichen Einrichtungen zu suchen. Außerdem konnte das israelische Gesundheitssystem dieser Problematik nur schwer begegnen, da die Extremtraumata eine hohe Sensibilität und einen besonderen Umgang erfordern. Amcha schuf und schafft bis heute einen Raum für Überlebende, in dem sie vertrauen können und Verständnis und Akzeptanz erfahren. Sie treffen hier auf Ihresgleichen, bekommen professionelle psychologische und soziale Hilfe, finden Gemeinschaft und oft das erste Mal die Möglichkeit, ihren Traumatisierungen zu begegnen.

Entgegen der Prognosen, wächst die Zahl der Hilfesuchenden stetig und der von Amcha geschaffene Raum wird nach wie vor benötigt und beansprucht. Grund dafür ist, dass verschiedene Trigger, wie Einsamkeit oder körperliche Beschwerden, die erst im hohen Alter auftreten, die verdrängten traumatischen Erlebnisse mit großer Wucht ins Gedächtnis zurückkehren lassen. Somit nahmen 2018 18.726 Menschen die Hilfe von Amcha in Anspruch. Das sind doppelt so viele, wie vor 10 Jahren.

Mit der Ausstellung, die heute feierlich eröffnet wird, möchten wir von AMCHA Deutschland aufmerksam machen. Aufmerksam darauf, dass die Überlebenden des Holocausts noch leben, dass sie Unterstützung benötigen und auch ihre Kinder und Enkelkinder stark von den Folgen der Traumata betroffen sind. Aufmerksam darauf, dass wir eine Verantwortung tragen: Die Verantwortung zu erinnern und die Verantwortung jene Menschen und ihr Leid, aber auch ihre Lebensgestaltung nach dem Überleben anzuerkennen.

Aufmerksam darauf, dass ein friedvoller und liebevoller Weg nach den unmenschlichen Erfahrungen während des Holocausts möglich ist. Aufmerksam darauf, dass die Traumata bis heute existieren und starken Einfluss auf ihre Träger ausüben. Aufmerksam darauf, dass es Räume gibt, in denen solchen Traumata begegnet werden kann, wo entwurzelte Menschen ein zu Hause finden können. Aufmerksam darauf, dass Versöhnung und ein Miteinander möglich ist und statt findet. Aufmerksam darauf, dass Menschen, die alles verloren haben, die die Hölle überlebten, weiterlebten, neue Familien gründeten und Lachen und Liebe wiederfanden.

Ich stehe hier im Namen von AMCHA, um sie auf all das aufmerksam zu machen und, um Ihnen zu danken: Dass Sie heute hier sind zeigt, dass Sie die Überlebenden und sowohl Ihr Leid, als auch ihren Weg nach dem Holocaust anerkennen. Ich danke Ihnen, dass Sie hinschauen, wo andere wegschauen und, dass Sie gemeinsam mit uns einen Raum schaffen, in dem die Holocaust-Überlebenden berichten dürfen. Von ihrem Über- und Weiterleben. Von ihrem Leben und ihrem Altwerden.

Ich möchte mich mit meiner Dankesrede Frau Paul anschließen. Ich erwähne nicht noch einmal alle namentlich und danke  Ihnen stellvertretend für AMCHA, aber auch persönlich. Es war mir  ein großes Anliegen, die Ausstellung in meine Heimatstadt zu holen und ein engagiertes Team hat mir dabei geholfen.

Natürlich möchte ich Sie, Frau Paul noch einbeziehen: Sie haben mir mit Ihrem unermüdlichen Tun und ihrer großer Überzeugung dabei geholfen, dieses Projekt zu realisieren. Sie nahmen sich meiner Idee im Januar 2018 als Erste an. Dafür danke ich Ihnen aus ganzem Herzen!

Und eine Ausnahme mache ich doch: Ich erwähne noch einmal Helena Schätzle, die mit so viel Feingefühl und Hingabe die Überlebenden porträtierte und im Rahmen der Ausstellung dem Zuschauer zugänglich macht. Sie gab ihnen Stimme und Gesicht, sie transportierte den Raum aus Israel nach Deutschland, heute bis nach Eschweiler. Danke!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!