Tief durchatmen. Die Arbeit von AMCHA in gewaltvollen Zeiten

Im Fokus:  Sommer 2014.
 

Rechovot

Rechovot, südlich von Tel Aviv im August: Zirka 60 willensstarken Senioren im Alter von 76 bis 96 trotzen der Gefahr möglicher Raketenangriffe, um an einem Treffen im AMCHA-Zentrum teilzunehmen. Die Hilfsangebote von AMCHA sind für viele der Überlebenden unverzichtbar geworden, besonders in diesen schwierigen Zeiten“, sagt Tammy Kahanov, Leiterin von AMCHA Rechovot. „Um mit der konstanten Angst während des Krieges umzugehen ist es wichtig, ihnen einen Alltag zu ermöglichen und sie nicht allein zu lassen.“

In einer Selbsterfahrungsübung sollen die Klienten lernen, besser mit der gewaltsamen Situation der vergangenen Wochen umzugehen. „Wir wollten uns weniger auf das sprechen konzentrieren, als darauf, jedem die Möglichkeit zu geben, der Fantasie freien Lauf zu lassen um Stress abzubauen“, erklärt Kahanov. Jedem Teilnehmer des Workshops wurde ein Ballon gegeben. Die Teilnehmenden sollten mit diesem Ballon eine Situation verbinden. Indem sie den Ballon durch tiefe Atemübungen aufbliesen, ihn mit allen Sinnen ertasteten und hin und her warfen, befreiten sie sich emotional und physisch von dem damit verbundenen Gefühl.

„Wegen des Krieges hatte ich keine Kindheit“, erzählt Shmuel der Gruppe. „Im Alter von vier Jahren war ich bereits im Konzentrationslager anstatt in einem Kindergarten. Ich habe nicht gespielt. Aber das Kind in mir habe ich nicht verloren. Ich liebe es zu spielen und meine Phantasie zu beflügeln, die mich in eine Kindheit versetzt, die ich nie hatte. Ich bin dankbar dafür, zu AMCHA kommen zu können. Besonders in dieser Zeit ist es so wichtig für mich hier zu sein, mit den anderen, einfach loslassen zu können und ich selbst zu sein.“

Tel Aviv

Auch Tel Aviv, die Metropole am Mittelmeer, wurde in den letzten Wochen aus dem Gazastreifen angegriffen. „Die Menschen sind müde, ängstlich und gestresst, aber sie sind auch entschlossen, versuchen, ihren Alltag so gut es geht zu gestalten“, erklärt Tali Rasner, Psychologin und Leiterin des AMCHA-Zentrums dort.

Kreativität und körperliche Aktivität haben dabei einen großen therapeutischen Nutzen. Jeden Tag versucht der AMCHA-Sozialclub mit Gruppengesprächen, Keramik-Kursen oder Yoga-Unterricht den Klienten Aktivitäten anzubieten, die ihnen einen Raum der Geborgenheit, für Zuversicht und gegen Einsamkeit, schaffen. „AMCHA ist ihr zweites Zuhause und viele sagen, dass sie nicht noch einmal ihre Heimat verlassen wollen oder sich verstecken möchten, wie sie es im Holocaust erleben mussten,“ so Rasner weiter.
Viele Überlebende aus dem Süden Israel hingegen mussten ihr Zuhause verlassen und sind zu Verwandten in Tel Aviv gezogen. AMCHA hat für sie die Türen geöffnet. „Wenn es Raketenalarm gibt, versammeln wir uns alle im Treppenhaus“, erzählt Rasner. „Für manche von ihnen werden schreckliche Erinnerungen an die Vergangenheit wach.“

Die 90-jährige Halina Ashkenazy Engelhard begann zu weinen, fühlte sich in ihre Kindheit zurückversetzt. Die Bilder von israelischen Kindern, die in Bunker kauern mussten, und von palästinensischen Kindern, die starben, konnte sie nicht verarbeiten. „Es gibt keinen Unterschied zwischen Blut. Kinder müssen in ihren eigenen Betten ohne Angst schlafen können.“

Jede Woche besuchen 180 Freiwillige Klienten von AMCHA in Tel Aviv und Umgebung. Über 2.000 Menschen erhalten dadurch Hilfe, gerade in schwierigen Zeiten. „Das wichtigste für sie ist, dass sie das Gefühl haben, dass es jemanden gibt, der sich um sie kümmert und heute auf sie achtet,“ sagt Yuval Dotan, Sozialarbeiter bei AMCHA. „Die stärkste Erfahrung vieler Überlebender ist, dass sie sich allein gelassen fühlten, dass ihnen niemand geholfen hat. AMCHA ist da, diese Lücke zu füllen.“

Hier können Sie zwei Artikel über die Situation bei AMCHA im Sommer 2014 lesen:

Die Holocaust-Überlebenden mit Fahrradhelmen

Sirenen und Raketen rütteln emotionale Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden wach