Die SS sagte uns, wir könnten gehen wohin wir wollten. Aber es gab keinen Ort, wo wir hätten hingehen können.

ÜberLebensgeschichte von Giselle Cycowicz, geboren 1927 in Chust, die bis heute therapeutisch für AMCHA arbeitet.

Der Moment der Befreiung war für Giselle Cycowicz, wie für viele andere Überlebende, kein Moment der Freude, sondern die Offenbarung des Leids der jahrelangen Verfolgung und Gewalt sowie der Verluste von Lieben, von Vertrauen und Heimat.

 Ihre Gedanken und Perspektiven sind wichtige Impulse in unserem Dokumentationsprojekt „Leben nach dem Überleben“.

 

Giselle Cycowicz wurde am 25. Februar 1927 in Chust geboren, einem Hauptort der karpatorussischen Bezirke im östlichsten Teil der Tschechoslowakei. Das Gebiet gehört heute zur Ukraine. Giselle hatte zwei Schwestern: Edith und Helen. Ihr Vater, ein begeisterter Zionist, war Geschäftsmann und bereits im Besitz aller Papiere, die der Familie den Umzug nach Palästina erlaubt hätten, doch die Mutter wollte nicht.

Als das Gebiet 1939 unter ungarische Herrschaft kam, begann eine Zeit des Leidens und der Demütigung. Dem Vater wurde das Unternehmen weggenommen, und die Familie stand ohne Einkommen da. Auch wurde die schulische Ausbildung jüdischer Kinder verboten, so dass Giselle mit zwölf Jahren die Schule verlassen musste. Im März 1944 wurde Ungarn von Nazi-Deutschland besetzt; es war das letzte Land in Mitteleuropa gewesen, das noch nicht von den Nazis beherrscht wurde.

Die jüdischen Familien lebten noch immer in ihren eigenen Häusern. An dem Tag, als die Deutschen kamen, wurde ihre Schwester Edith festgenommen und ins ungarische Konzentrationslager Kistarcsa deportiert. Der Rest der Familie musste das Haus verlassen und wurde ins Ghetto von Chust umgesiedelt. Im Mai 1944 wurde die Familie in Viehwaggons nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Direkt nach der Ankunft kam der Vater ins Kohlebergwerk Buna–Monowitz. Am 6. Oktober 1944 brachte man 200 Juden, die dort arbeiteten – unter ihnen auch den Vater –, zurück nach Auschwitz-Birkenau, und brachte sie in den Gaskammern um.

Giselle, ihre Mutter und ihre Schwester Helen waren bis dahin in Birkenau geblieben. Nach dem 6. Oktober beschlossen sie, sich für ein Arbeitslager zu melden, da sie in Birkenau in stetiger Angst um das Leben der Mutter lebten. Als sie nach der Dusche noch nackt im Trockenraum saßen, ehe sie sich zum Arbeitslager aufmachten, kamen drei SS-Offiziere herein, wählten acht Frauen aus, darunter auch die Mutter, und nahmen sie mit. Für die Kinder hieß dies, dass auch ihre Mutter in die Gaskammern kommen würde.

Giselle und Helen wurden ins Arbeitslager Mittelsteine (Ścinawka Średnia) in Polen gebracht, um dort in einer Fabrik für Flugzeugteile zu arbeiten. Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren grausam: Hunger, extreme Kälte und härteste Arbeit.

Am 8. Mai 1945, eine Woche nachdem sie wegen der heranrückenden Roten Armee Richtung Westen ins Lager Mährisch Weißwasser gebracht worden waren, wurden sie freigelassen.

Nach der Freilassung ging sie mit ihrer Schwester und ihrer Cousine etwa 600 Kilometer zu Fuss zurück nach Chust, um Überlebende der Familie zu suchen. Beim Bahnhof Királyháza sagte ihnen ein Mann, der in einem Zug saß und sie erkannte, dass ihre Mutter zu Hause sei. Auch Giselles Schwester Edith, die nach Auschwitz gekommen war, hatte überlebt und war nach Hause zurückgekehrt.

Sie fanden das Haus in einem schlimmen Zustand vor, alles war geplündert und gestohlen worden, außer die heiligen Bücher des Vaters, die offen auf dem kaputten Boden lagen – jedes Buch von Fäkalien beschmutzt. Sie wollten sofort wieder weg. Ihr Ziel war ein Lager für „Displaced Persons“ (DP) in Deutschland, um dort auf eine Möglichkeit zur Emigration nach Israel zu warten. Die karpatorussischen Grenzen waren von den Russen jedoch schon geschlossen worden, so dass sie das Land nur illegal nach Rumänien verlassen konnten. Auf ihrem Weg zu einem der DP-Lager machten sie in Cheb (dem einstigen Eger) an der tschechisch-deutschen Grenze Station. Da es hier einfacher war, Arbeit und eine günstige Wohnungen zu finden, blieben sie dort.

Bis Mai 1948 blieben sie in Europa. Unterdessen hatten sie Kontakt zu einem älteren Herrn in New York gefunden, der ihren Großvater kannte, der in einer Yeshiva lehrte. Als er erfuhr, dass ihre Mutter den Krieg überlebt hatte, bestand er darauf, der ganzen Familie Immigrationspapiere zu senden und sie nach Amerika zu holen. Als die Papiere für die drei Töchter bereitlagen und sie abreisen konnten, blieb die Mutter in Prag zurück, da ihre Reisedokumente noch nicht vollständig waren. Im Februar 1948 kam die Tschechoslowakei jedoch unter kommunistische Herrschaft, so dass sie nicht mehr weg konnte und hinter dem Eisernen Vorhang blieb. Zwar gab es einen Weg, die Mutter herauszuholen, doch hätte dies 1.000 Dollar gekostet. Dieses Geld hatten sie nicht. Da meldete sich ein befreundeter Überlebender des Holocaust, der schon zwei Jahre in den USA war, gab ihnen die 1.000 Dollar und sagte: „Wenn es noch eine Mutter gibt, muss sie bei ihren Kindern sein.“

Während der drei Nachkriegsjahre in Europa und den zwei folgenden in Amerika fand Giselle keinerlei Möglichkeit, ihre schulische Ausbildung weiterzuführen, die sie mit zwölf Jahren hatte unterbrechen müssen. Da ihre Familie nie wusste, wo sie morgen sein würde, blieb ihr die Erfüllung dieses sehnlichen Wunsches versagt. Stattdessen hatte sie verschiedene Jobs in Fabriken. Eine große Möglichkeit eröffnete sich ihr im Jahr 1950, als sie eine Stelle als technische Zeichnerin bekam, eine Tätigkeit, die sie im Arbeitslager in Mittelsteine erlernt hatte. 1955 nahm sie an einem Austauschprogram der Jewish Agency teil und konnte ein Jahr lang nach Israel gehen, um als Designerin bei der Israel Electric Corporation zu arbeiten. Das war das beste Jahr ihres Lebens. Sie fühlte sich frei und endlich Zuhause.

Dennoch kehrte sie nach Amerika zurück, wo sie über einen Bekannten aus Israel ihren Mann kennenlernte. Sie heirateten im Jahr 1957 und bekamen drei Kinder. Im Alter von 42 Jahren, als ihr ältestes Kind elf Jahre alt war, nahm sie am Brooklyn College ein Psychologiestudium auf und schrieb sich anschließend für eine Doktorarbeit an der City University of New York ein. 1978 promovierte sie in Persönlichkeits- und Sozialpsychologie. Sie arbeitete sieben Jahre lang als Psychologin für die New York Telephone Company.

Nach 44 Jahren in den USA und ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Mannes siedelte sie im Jahr 1992 nach Israel über, wohin ihre drei Kinder schon vorher emigriert waren. Über all die Jahre hatte sie nie über ihre Shoah-Erlebnisse gesprochen, nur mit anderen Überlebenden, die wussten, worum es ging.

In Israel arbeitet sie seit 23 Jahren für Amcha. Amcha hat ihr Leben verändert, sagt sie. Amcha hat ihre Gefühle geöffnet, die über Jahrzehnte hinweg unterdrückt gewesen waren. Sie lernte, ihre Geschichte zu teilen und mitzuteilen, indem sie mehrere Jahre mit Gruppen von Studenten und Soldaten nach Polen fuhr. Bei Amcha nutzt sie ihre langjährige Erfahrung in Individual-, Familien- und Gruppentherapien. Am meisten dienen ihr jedoch ihre eigenen Erlebnisse, um zum Herzen und den Gedanken der Überlebenden vorzudringen.

Bis heute ist sie sehr aktiv, arbeitet mit Ratsuchenden, bereist Deutschland, Polen und die ganze Welt, geht in Konzerte und Veranstaltungen, trifft Freunde. Sie hat 21 Enkel und neun Urenkel.