Die Tage im Mai

Die Tage im Mai – das Ende des Zweiten Weltkriegs und damit die endgültige Befreiung der Überlebenden 1945, die Gründung des Staates Israel 1948 und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland 1965 – sind für Zwi Helmut und Regina Steinitz mehr als nur die Tage im Mai. Beide sind deutschsprachig aufgewachsen, der eine in Posen, die andere in Berlin und heute noch häufige Gäste in Deutschland als Zeitzeugen. Beide überlebten die Shoah und beide erhalten Hilfe durch AMCHA.

8. Mai 1945: „(…) fühlte ich mich wirklich befreit?“

Den Tag seiner Befreiung erlebte Zwi Helmut Steinitz, der 1927 in Posen geboren wurde, schon am 3. Mai 1945 in der Nähe von Schwerin. „Die gewohnte strenge Wachsamkeit der SS am Morgen des Befreiungstages gab es plötzlich nicht mehr. Kleine Häftlingsgruppen entfernten sich langsam in einer Richtung, in der uns die Freiheit erwarten konnte. Wer hätte das noch vor wenigen Minuten für möglich gehalten?“

Am 8. Mai 1945, fünf Tage nach der Befreiung von Zwi Steinitz, mit dem Ende des Krieges und der Kapitulation Deutschlands wurden die Überlebenden von physischer Qual, Verfolgung, Ausbeutung, Gewalt und Terror befreit. Ihre Befreiung aber führte nicht zur Freiheit, nicht zu einem Leben frei von Ausgrenzung und Leiden. Ihre Befreiung war eine Rettung vor dem Tod, aber keine Erlösung für das Leben.

„Was bedeutete mir eigentlich Freiheit, als ich als einziger Überlebender meiner Familie am 3. Mai 1945 plötzlich befreit wurde“, fragt Zwi Steinitz. Was verstand ein Jugendlicher, der brutal aus seinem Heim vertrieben wurde und wenige Jahre danach seine Familie im Vernichtungslager Belzec verlor von einem Leben in Freiheit? Einer, der sich allein durch das Krakauer Ghetto, das berüchtigte Arbeitslager Plaszow, durch Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen kämpfen musste und als Jugendlicher auf fremder Erde völlig mittellos in Israel ankam? „Nach außen war ich frei, doch innerlich, in meiner Seele, fühlte ich mich wirklich befreit?“

Waren die Überlebenden alt genug, um die Welt sortieren zu können, wurden sie in ihren Grundfesten erschüttert. Als Kinder waren sie in einer Welt ohne Schutz und Geborgenheit aufgewachsen. Für alle Zeit war ihre Psyche verletzt und bis heute sind sie von den Folgen der Gewalt und Verfolgung gezeichnet.

12. Mai 1965: Verstellte Wahrnehmung – gebrochene Identität

In diesem Jahr können wir auf 50 Jahre offizielle diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland zurückblicken, die am 12. Mai 1965 geschlossen wurden. In den 20 Jahren zwischen der Befreiung 1945 und der Aufnahme offizieller Beziehungen stand dem Erzählwillen der Überlebenden eine brutale Taubheit der Zuhörer gegenüber.

Während in Deutschland, West wie Ost, der Wiederaufbau mit der Integration von NS-Verbrechern die individuelle Schuld verbarg, so wurde die leidvolle Vergangenheit der Überlebenden auch in Israel verdrängt. Diese Einstellungen zur Vergangenheit änderten erst die Nachkriegsprozesse in Deutschland und der Eichmann-Prozess in Jerusalem. Den Zeitzeugen zuzuhören und die Vergangenheit zu erkennen war gesellschaftlich von großer Bedeutung und für viele der Überlebenden essentiell, um in einer Welt nach Auschwitz heimisch zu werden, eine Heimat, die Israel ihnen bietet.

Doch wie gebrochen die Identitäten vieler Überlebenden sind, zeigt der Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Zwi Steinitz gründete mit anderen Überlebenden den Kibbuz Buchenwald, heute Netzer Sereni bei Tel Aviv. Trotz dieser Namensgebung schwiegen die Mitglieder zu ihrer Vergangenheit. Die Brüche zwischen dem Leben vor, während und nach der Shoah wurden ungeachtet der Anerkennung ihres Schicksals aufrechterhalten. Das jahrelange Schweigen ist dabei nicht nur ein Verdrängen gewesen, sondern ein bewusstes Verschweigen, vor allem ihren Kindern gegenüber, die für viele der Überlebenden ein starkes Symbol der Weiterexistenz sind. „1952 wird unser Sohn Ami Chaj geboren. Ami Chaj heißt: Mein Volk lebt.“

Doch was ihrer Psyche an Verletzungen zugefügt wurde, kann nicht verschwiegen oder verdrängt werden. So berichtet es auch Zwi Steinitz:

„Keines der Kibbuzmitglieder merkte, was hinter dem jugendlichen Enthusiasmus und der Lebensfreude versteckt war. Niemand spürte, was sich hinter den Kulissen unserer Seele abspielte, wo sich die Wunden schrecklicher Kriegsjahre verbargen. Wunden, die niemals heilen würden. Die Macht meiner schauerlichen Erlebnisse und tragischen Erinnerungen in der Hölle des Holocaust hat mir keine Ruhe gegönnt. Plötzlich war ich wieder dort in der Nazihölle, der ich mit eigenen Kräften scheinbar nicht entweichen konnte. Meine Frau Regina bemerkte mein depressives Verhalten, trotzdem ich meine Gedanken mit ihr nicht teilte. Dieser Einbruch meiner seelischen Beschwerden, die am Erlebten im Holocaust lagen, ist unwillkürlich erschienen, ist nicht mit einem Zeitbegriff zu messen.“

Den Menschen einen Lebensabend ohne Albträume und Ängste zu ermöglichen und die Gegenwart nicht von den Erinnerungen der Vergangenheit dominieren zu lassen sind Aufgabe und Ziel von AMCHA. Zwi Steinitz wandte sich in den 1990er Jahren an AMCHA, um seine schweren Depressionen behandeln zu lassen.

„Bei meinem ersten Besuch traf ich auf die Psychologin Tali Rasner. Wir haben auf den ersten Blick eine gemeinsame Sprache gefunden. Sie öffnete meine verschlossene Seele und unterbrach mein langjähriges Schweigen. Wie ein Wasserfall strömten meine Erinnerungen und befreiten mich allmählich von der Last des Schweigens. Schrittweise kehrte ich in die Gegenwart zurück.“

Es sind diese Tage im Mai, die Zwi Helmut und Regina Steinitz´ Leben prägten und prägen. Denn sie sind es, die die deutsch-israelischen Beziehungen am nächsten zu ihrem Leben erzählen – oder auch schweigen. Und es ist ihr Erbe, sowohl der positive Bezug vieler Überlebender zu Deutschland heute wie auch ihr Mahnen, Schweigen und Ablehnen, das uns auch in den nächsten Generationen erinnern soll, was Israel und Deutschland im Fundament verbindet. AMCHA hilft ihnen für ein Leben nach dem Überleben.

 

Autor: Lukas Welz, Vorstandsvorsitzender von AMCHA Deutschland e.V.

Der Text basiert auf einem Beitrag in der Predigthilfe zum 27. Januar 2015 der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.