Die Holocaust-Überlebenden mit Fahrradhelmen

Artikel von Lily Galili in i24news vom 29. Juli 2014

Sie müssen mit vergangenen Traumata und neuen Raketen gleichzeitig fertig werden –mit einem entscheidenden Unterschied. Nachdem die etwa hundertste Rakete auf die Stadt Ashkelon abgefeuert worden war, entschied sich ein Sozialarbeiter von AMCHA, einer israelischen Organisation zur Betreuung von Holocaust-Überlebenden, ein Ehepaar zu besuchen, das er gut kannte und das den Holocaust überlebt hatte. Der erfahrene Mitarbeiter war überrascht von dem, was er sah, als sich die Tür ihrer bescheidenen Wohnung öffnete. Schließlich hatten die beiden einige Tage und wenige Raketen zuvor versichert, dass es ihnen gut ginge und sie keine Hilfe benötigten. Als er jedoch die Wohnung betrat, sah er das Pärchen starr auf dem Sofa sitzen, auf dem Kopf Fahrradhelme. Fahrradhelme zur Abwehr von Raketen. Das war die Lehre, die sie aus dem Holocaust, den sie als Kinder überlebt hatten, gezogen haben: Du bist auf dich allein gestellt, also tue etwas. So hatten sie sich diese Helme gekauft.

Es ist schwer für jeden Israeli in einem von Raketen beschossenen Land zu leben, für die Alten und Gebrechlichen ist es unter diesen Umständen jedoch noch schwerer. Alt sein bedeutet oft, allein zu sein. Das macht das Rennen zum Bunker innerhalb von 15 bis 30 Sekunden fast unmöglich, und wenn man auf der Straße ist, kann man sich kaum auf den Boden legen und den Kopf mit den Händen schützen. Die Not wird erdrückend für diejenigen, denen sich Traumata, seelische Narben und Ängste in ihren Körper und ihre Seele durch den Holocaust eingebrannt haben. Die über 2.000 Raketen, die in den vergangenen drei Wochen auf Israel gefeuert wurden, 200 davon auf Ashkelon, lösen post-traumatische Belastungsstörungen aus.

Die 400 Überlebenden, die in Ashkelon leben, einer Stadt, zu deren ersten Bewohnern Holocaust-Überlebende gehörten, sehen den AMCHA-Sozialclub oftmals als ihr erstes Zuhause an. Nun brauchen Sie es mehr als zuvor. Da aber das hübsche alte Gebäude, in dem sie sich regelmäßig treffen, keinen Bunker hat, sind sie gezwungen, von Ort zu Ort zu ziehen, oftmals unter Sirenen und Raketenalarm. Aber sie machen das. Das Bedürfnis nach Zusammensein ist viel stärker als ihre Angst. Angst spielt keine große Rolle. “Wir sind über ihre Stärke erstaunt”, sagt Marlen Maor, Psychologin und Leiterin von AMCHA Ashkelon. „Sie teilen diese unglaubliche Stärke miteinander. Ein Soldat aus Ashkelon, Jordan Ben-Simon, wurde in diesem Krieg getötet. Seine Eltern kamen aus Frankreich, um Schiwe (die traditionell jüdische siebentägige Trauerzeit) in einem lokalen Hotel zu sitzen. Eine Gruppe von Überlebenden ist dort hingegangen, um ihr Beileid auszudrücken. Sie wissen, was es bedeutet, allein zu sein.“

Sie wissen auch viel über andere Dinge. Manche sagen, die neue Welle des Antisemitismus in Europa ängstige sie mehr als die Hamas. Gegen die Hamas fühlen sie sich geschützt; als Kinder waren sie aber nicht geschützt vor den Folgen des Antisemitismus. Diese Erfahrung hat sie auch gelehrt, sich nicht auf die internationale Gemeinschaft zu verlassen. „Ich habe die Welt im Zweiten Weltkrieg gesehen“, sagt Helena Reis, eine Überlebende aus Rumänien. „Traut ihr jetzt nicht.“Für Holocaust-Überlebende ist dieser Kampf der gleiche, wenn auch mit einem kleinen Unterschied. Ein Überlebender fasst es in einem einfachen Satz zusammen: „Während des Holocaust wurde ich gejagt; heute habe ich mein Land und eine Armee und Enkelkinder, die mich beschützen.“

Das Motiv der Enkelkinder und der Armee, die sie beschütze, taucht auch bei einer längeren Unterhaltung mit einer Gruppe Überlebender im AMCHA-Zentrum Tel Aviv auf. Eine frühmorgendliche Diskussion in dem fröhlichen Haus im Herzen der Stadt klingt wie eine geheime Sitzung des Sicherheitskabinetts. Die Überlebenden liefern sehr informierte und überzeugte strategische Analysen. Die meisten waren Kinder während des Holocaust und haben sich ihr Leben in Israel aufgebaut. Oftmals brachte das neue Leben neue Traumata. Hanoch Lerer, der 1948 als Waisenkind nach Israel kam, spricht lieber über die drei Kriege, in denen er kämpfte, als über den Krieg, den er teilweise in einem Loch versteckt in Polen und teilweise als Waisenkind in Russland erlebte. Schwer verletzt im arabisch-israelischen Krieg von 1973 sagt er heute, Raketen könnten ihn nicht mehr ängstigen; es sind die gefallenen Soldaten, die ihm das Gefühl geben, als würden Organe seines Körpers, „eines nach dem anderen“, entfernt.

Yehudit Moskowitz hat als kleines Kind vier Jahre in Konzentrationslagern in der Ukraine überlebt. Ihre Hauptsorge heute ist ihre Tochter, die im Yom Kippur-Krieg 1973, wo sie als Soldatin diente, traumatisiert wurde. „Heute bin ich ihre Angstbekämpfungspille“, sagt die lebhafte Frau. „Wenn sie über die Tunnel von Gaza nach Israel sprechen, die die Hamas gegraben hat, sagen sie, wir könnten in 24 Stunden ausgelöscht werden. Es ist wie unter Hitler.“

Aber heute haben sie einen Staat und AMCHA, und dies ist ein großer Unterschied. „Das Wichtigste für sie ist, dass sie fühlen und wissen, dass da jemand ist, der sich um sie kümmert,“ sagt Yuval Dotan, klinischer Sozialarbeiter bei AMCHA Tel Aviv. „Die eindrücklichste Erfahrung von Holocaust-Überlebenden ist die, dass niemand für sie da war, niemand, der danach schaute, was mit ihnen geschah. Wir sind hier, um diese Leerstelle zu füllen.“

Ein weiterer interessanter Aspekt ist nicht nur, wie Überlebende gesehen werden, sondern auch, wie sie den anderen sehen. Manche sagen, dass sie nach allem, was sie erlebten, keine Empathie mehr für die andere Seite empfinden könnten. Aber Tzipora Feller, eine Auschwitz-Überlebende, sagt, sie fühle mit den unschuldigen Bewohnern von Gaza: „Es ist schwer für mich ihre zerstörten Häuser und ihre Beerdigungen zu sehen“, sagt sie.

“Viele Menschen haben Schwierigkeiten mit beiden Seiten zu sympathisieren; sie spüren die Notwendigkeit, sich zu entscheiden“, sagt Tali Rasner, Leiterin von AMCHA Tel Aviv. „Aber vor nur einer Woche, kam eine 90-jährige Überlebende zu mir, um mit mir über die Bilder von Kindern in Gaza, die unter Feuer und Rauch fliehen müssen, zu sprechen. Sie erinnerten sie an ihre eigene Kindheit. Menschen unterscheiden sich in ihren Reaktionen, aber die Überlebenden haben eine Gemeinsamkeit – ihre unglaubliche Stärke.“