Worunter Sinti und Roma bis heute leiden

Ein Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau von Lukas Welz

Ausschnitt aus dem Gastbeitrag vom 23. August 2019 in der Frankfurter Rundschau. Hier können Sie den ganzen Beitrag lesen.

„Ausgrenzung und Abwertung sind lange nicht überwunden. Um daran etwas zu ändern, genügt es nicht, die Schuld der Nazis anzuerkennen.

Am 2. August 1944 ermordeten die Nationalsozialisten die letzten Sinti und Roma, die die Haft im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau bis dahin überlebt hatten, und auch am 75. Jahrestag wurde dort wieder dieses Massenmordes gedacht. Zu erinnern ist allerdings auch daran, dass die wenigen Überlebenden des NS-Genozids 37 Jahre warten mussten, bis im Jahr 1982 ihre Verfolgung durch den deutschen Staat nicht mehr als „legitim“ eingestuft und erstmalig als Verbrechen anerkannt wurde.

Aus der Arbeit mit Überlebenden des Holocaust wissen wir, dass die gesellschaftliche Anerkennung des Leids eine Grundvoraussetzung ist, um traumatisierende Erfahrungen bearbeiten zu können. Genauso wichtig aber ist die Möglichkeit, selbstbestimmt Gemeinschaft zu entwickeln und in seiner Individualität anerkannt zu werden, um gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.“

„Doch der Alltag vieler Sinti oder Roma wird nicht nur weiter von Diskriminierungserfahrungen sowie den langfristigen, über Generationen weitergegebenen Folgen der nationalsozialistischen Verfolgung geprägt. Die oft unterschwelligen und alltagsdominierenden Ausgrenzungen bestimmen das Selbstbild vieler und beeinträchtigen die freie Entfaltung.

Ihre Abwertung kann auf jahrhundertealte Bilder und Vorurteile zurückgreifen. Antiziganistische Einstellungen sind bei einem Großteil der Menschen in Deutschland verwurzelt. Anders können wir uns die Zahlen der Leipziger Autoritarismusstudie von 2018 nicht erklären, der zufolge 56 Prozent der Befragten „ein Problem damit [hätten], wenn sich Sinti und Roma in [ihrer] Gegend aufhalten“. Bei den Betroffenen haben diese Erfahrungen existenzielle Auswirkungen. Sie umfassen alle Lebensbereiche und tragen zu einem Unsicherheitsgefühl bei.“